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STUDIOBERICHT - DIE ALLERGIE

Tief in die fränkische Provinz lud die Plattenfirma Rise Up/Last Episode, um Einblick in die neuesten Machenschaften ihrer Schützlinge Die Allergie zu gewähren. Ein bißchen Improvisationsgabe mußte man schon mitbringen, um das Studio von Dieter Roth in Kirchrimbach so ohne weiteres zu finden. Dafür durfte man dann aber auch das pünktlichst am selben Abend eingetroffene und abgemischte Mastertape der fünf Jungs aus dem Schwäbischen hören. Entgegen der Annahme, einen Einblick in den work-in-progress der Band zu bekommen, war also schon das fertige Produkt zu begutachten. Doch der Reihe nach.

In der knappen Zeit von drei Monaten hat die Band ihr neues Album nun fertiggestellt, kaum ein Jahr seit ihrem letzten Werk Dunkelgraue Lieder für das nächste Jahrhundert. Dieses war, nach dem Split des Major-Deals mit dem EMI-Ableger Spin Records und aufgrund einer personellen Umbesetzung, ein düsteres, aus Verbitterung geschriebenes Werk. Der Bruch mit EMI, die im Zuge des Medienphänomens Neue Deutsche Härte hier einen neuen Rammsteinnahen Act mit großem Marketingpotenial gewissermaßen vom Fleck weg (nur aufgrund eines Demos) engagierten und 50000 DM Vorschuß auf den Erstling Psalm in Blei gewährten, kam bald: Das Album blieb weit hinter den erwarteten Verkaufszahlen zurück (3500 Einheiten verkauft), Forderungen nach einer kommerzielleren Ausrichtung der Musik wurden laut, aber EMI ließ die Band nach deren Weigerung wie eine heiße Kartoffel fallen und suchte nach neuen, umsatzstärkeren Bands.

Die Enttäuschung war groß und hinterließ ihre Spuren: Star auf der zweiten CD gibt davon Zeugnis, wie sich die Band ausgenützt sah. Aber auch sonst herrschte nicht gerade eine positive Stimmung auf dem letzten Werk. Allerdings dominierte damals auf den Dunkelgrauen Liedern das Haß-Prinzip dermaßen, daß die Platte zum schlechten Klischee verkam: Überdosis, Selbstjustiz und Kinderschändung in den Mixer, Nekrophilie, Masochismus und ein bißchen Suizid dazu, fertig ist das Kunstprodukt. Den Random-Test hätte die Scheibe wohl nicht bestanden: Nach 5x Anhören die Zufallswiedergabe drücken, und man wäre immer noch überfordert, die Songs zu identifizieren, so pauschal klingen sie. Die Texte ohne rechte Struktur und Metaphorik, kommen sie platt und unausgegoren daher. Das ein oder andere Mal konnte man sich ein Lächeln angesichts der "Hart & Krass"-Attitüde nicht verkneifen, wenn es etwa reimte: "Schlagt mein Herz an die Wand / Solange es noch schlägt".

"Mastermind" Vlocky, bislang zuständig für Text und Schlagzeug, stieg aus gesundheitlichen Gründen vom aktiven Part aus und arbeitet seit der Dunkelgrauen Lieder im Hintergrund an den Lyrics, die Sänger Albi umzusetzen hat. Fürs neue Album nun schon zum dritten Male auf diesem Weg tätig, kommentieren beide aber gelassen: "Für uns stellt das kein größeres Problem dar, wir betrachten uns eher als kongeniales Duo. Keiner hat den Eindruck, daß er zu kurz kommt oder ideenmäßig auf der Strecke bleibt".

Mit neuem Drummer und Bassisten und erstmalig eingesetzten Keyboards ging es an die Arbeit der Dunkelgrauen Lieder. Dieses line-up hat sich auch bis heute erhalten und wird von den Bandmitgliedern als Garant der produktiven Arbeit eingeschätzt. Als dessen Ergebnis läßt sich nun die neue CD verstehen. Dabei überrascht der Output an Material gemessen an der kurzen Zeitspanne, die zwischen beiden Alben liegt.

Gitarrist Roger zufolge ist das einem kreativen Schub Mitte letzten Jahres zu verdanken, der sie gleich wieder, nach kurzen Tours als Support von Pro-Pain ua., an die Arbeit gehen ließ. In Produzent Dieter Roth scheinen sie für die Umsetzung einen optimalen Part gefunden zu haben. Er arbeitet mit der Band seit den Anfangstagen 1993 zusammen und erstellte auch schon das Demo, das letztlich zum Major-Deal mit EMI führte. Insofern kann man hier auf eine lange und eingespielte Zusammenarbeit verweisen, und man ist beiderseits sehr zufrieden damit.

Was hat sich musikalisch getan: klanglich einiges, kann man konzedieren, was der Band aber nur gut tun konnte nach den unsäglich eintönigen Dunkelgrauen Liedern. Noch vor einem Jahr ohne weiteres als Klon des Medienphänomens Neue Deutsche Härte durchgegangen, setzen Die Allergie heute deutlich mehr Akzente musikalischer Art. Das ist zwar angesichts des Genres ein relativer Begriff, denn Hauptargument der Musik bleibt weiterhin eine harte, metal-inspirierte Gitarrenarbeit mit wenig Klangspektrum, ist aber als Entwicklungsweg der Band durchaus positiv anzumerken. Wo vor einem Jahr noch undurchdachte Gitarrengewalt und einfältiges Tempo vorherrschte, zog nun langsam eine größere Bandweite an musikalischem Ausdruck ein. Einige Tracks sind zwar weiterhin der prinzipiell harten und angestrebten "Ohne-Kompromisse"-Linie der Jungs verpflichtet, bilden aber nun schon fast eine Ausnahme und lassen eher vorübergehend den Vorgänger in Erinnerung rufen, als daß sie als repräsentativ für Virus III - so der Titel der neuen CD, die Ende Mai erscheinen wird - gelten können. Im Gegensatz dazu wird nun mit langsameren, die plumpe Wucht aufbrechenden Passagen gearbeitet, woraus sich gewissermaßen von selbst die harten Riffs interessant und markant halten: man kann sie lokalisieren und identifizieren, kann eine Songstruktur erkennen.

Damit aber keine Mißverständnisse aufkommen: wer auf einen metallischen Schmusekurs oder gar auf Balladen wartet, wird enttäuscht werden. Deutlicher als sonst tritt nämlich ihre Nähe zum Hardcore amerikanischer Provenienz hervor, als daß Die Allergie noch länger als Ableger des Rammstein-dominierten Neue-Deutsche-Härte-Diskurses gelten können. Wenngleich gerade Feuer sehr an diese erinnert, insbesondere der Samples und des straighten Beats wegen, muß man dies als "Ausrutscher" betrachten. Es überwiegen eher industrial-mäßige Riffs mit entsprechend spartanisch-hart gesampelter Untermalung und choral eingebrachte Refrains, die an einigen Stellen sogar an klassische Rock'n'Roll-Elemente erinnern. Zudem hat sich diesmal sogar mal eine Coverversion eingeschlichen: Spliffs Dejavu wird durch den Hardcore-Fleischwolf gedreht, bleibt aber seltsam schmalbrüstig. So recht gecovert und nahe am Original ist es ebensowenig wie mit eigenständiger Note. Als Versuch also durchaus interessant, festnageln sollte man die Band darauf aber nicht: mehr geben die eigenen Kompositionen her, was auch prinzipiell zu begrüßen ist.

Die Scheibe gilt es also durchaus zu entdecken, was man ja nun angesichts des Vorgängers am allerwenigsten vermutet hätte. Gesanglich läßt sich hingegen eine weitgehende Stringenz in Ausdruck und Intention der Lyrics erkennen. Angesichts des begrenzten Spektrums von Albis Stimme ist also wenig Neues zu erwarten. Wer bisher mit der mehr heiser geschrienen als gesungenen Stimmleistung des Frontmanns gut leben konnte, wird Virus III auch O.K. finden. Musikalisch bleibt dies allerdings das Rückgrat der Band: für diese Art von Musik durchaus markant und brauchbar, sind den Möglichkeiten des Einsatzes solcher Vocals aber eben enge Grenzen gesteckt. Ist die charakteristische Linie einmal abgesteckt, kann sich wenig Neues entwickeln. So wirkt die Stimme des Frontmanns gepreßt und unartikuliert, tut aber ihren brachialen Zweck: Wut und Aggression in die Welt zu schreien.

Inhaltlich befassen sich die Texte nun mehr mit zwischenmenschlichen und individuellen Problemen, jene "Die-ganze-Gesellschafl-ist-krank"-Haltung hat man größtenteils verlassen, wenngleich etwa Maschinenträume eine eindeutig politische Aussage gegen (faschistoide) Massenbewegungen darstellt. Das Ziel der Angriffe hat sich also verlagert, weg von gesellschaftlich fragwürdigen Medienphänomenen hin zu persönlichen Beziehungen und Krisen. Allerdings bricht immer noch auch abgeschmackter Chauvinismus durch ("Du weckst in mir das Tier in meinem unteren Teil des Körpers" ua.), zum Glück aber nicht mehr so penetrant, wie das beim Vorgänger der Fall war.

Gemessen also an der kurzen Zeit, die man für die zwei Produktionen benötigte, ist der Band mit Virus III eine beachtliche Steigerung gelungen. Mit harter Arbeit an den Instrumenten und glücklichem Händchen beim Mixen hat sich Die Allergie neu ins Gespräch gebracht und verdient Beachtung.

(Thomas Dörfler)
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