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DIE ALLERGIE - VIRUS-INFEKTION IN DER FRÄNKISCHEN PROVINZ

Promoterin Sabina Classen ist bei ihrer Begrüßung der Ort des Geschehens fast ein klein wenig peinlich: "Normalerweise finden Studio-Reports ja eher in New York oder auf den Bahamas statt..." Doch die versammelte Journaille, die zur Vorab-Präsentation des neuen Allergie-Albums angereist ist, befindet sich im Keller eines gemütlichen Einfamilienhauses in Kirchrimbach, einem beschaulichen Dörfchen tief in der fränkischen Pampa irgendwo zwischen Bamberg und Würzburg, wo es keine Straßennamen gibt, Handys nicht funktionieren und man eher den Proberaum einer Blaskapelle vermuten würde. In die Abgeschiedenheit dieses Provinznestes haben sich die schwäbischen Metal-Mannen der Allergie seit Dezember wieder einmal zurückgezogen, um unter den Fittichen von Stammproduzent Dieter Roth in dessen Studio ihr drittes Album Virus III einzuspielen.

...Man hat hier einfach die nötige Zeit und Ruhe, um kreativ zu sein und das Letzte aus sich herauszuholen", erklärt Schlagzeuger Micha Bösinger die traditionelle Emigration aufs Land. ...Wir kennen Dieter und seine Familie schon seit Jahren, wohnen hier im Haus, fangen den Hund ein, wenn er ausbuchst - es geht eben total familiär zu." Auch bei der Arbeit im Studio ergänzen sich Band und Produzent prima: ...Er weiß, wie wir klingen wollen, arbeitet sehr akribisch und feilt solange an den Songs herum, bis alle auch wirklich hundertprozentig zufrieden sind."

Wie es scheint, ist die ländliche Idylle in der Tat genau die richtige Umgebung, um die musikalische Aggression der Allergie effektiv zu kanalisieren. Die sieben Songs, die man an diesem Abend nebst leckerem Büffet und süffigem Landbier schon einmal in ihrer Rohfassung serviert bekommt, sorgen jedenfalls bei den anwesenden Experten für anerkennendes Lob. Die Kompositionen wirken ausgereifter und komplexer, ohne dabei aber die Allergie-typische Kompromisslosigkeit und Brachialität zu opfern. Stücke wie das hymnische Der letzte Held mit seinem eingängigen Refrain, das wuchtige Hardcore-Brett K:ö:n:i:g:i:n, der fast schon poppige Ohrwurm Feuer, die atmosphärische Depri-Ballade Das große Sterben oder Dejavu, eine kongeniale Coverversion des Klassikers der NDW-Pioniere Spliff, lassen das Potenzial von Virus III erahnen.

Deutlicher als bisher sind Tendenzen zu innovativem Industrial-Metal Marke Fear Factory hörbar; die Keyboardpassagen von Danny Böhm nehmen im Sound-Kosmos der Schwäbisch-Haller noch mehr Raum ein, sind allerdings stets wohldosiert und nie dominant. "Damit wollen wir in Zukunft auf jeden Fall noch mehr experimentieren. In manche Stücke passen Keyboards einfach rein, in manche nicht. Prinzipiell arbeiten wir aber gern mit Synthie, Samples, Loops und solchen Sachen", betont Sänger Albi Lay.

Dementsprechend groß sind denn auch die Hoffnungen des Labels Rise Up (einem extra für die Allergie gegründeten Sublabel von Last Episode Productions), bei dem man sich über den im Vergleich zu früher etwas zugänglicheren Charakter der Musik nicht gerade ärgert.

Eigentlich paradox, hatte doch gerade die Weigerung der Band, kommerzieller zu werden, seinerzeit zum Split mit der Plattenfirma EMI geführt. Für die schwäbischen Sturköpfe kein Widerspruch in sich: "Die EMI wollte das damals erzwingen, und das hat natürlich nicht funktioniert. Jetzt ist es eine natürliche Entwicklung gewesen, die sich vollzogen hat." Darum sehe man Virus III eher als konsequente Weiterentwicklung denn als erfolgsorientiertes Schielen nach Verkaufszahlen, und für das Mainstream-Publikum ist der derbe Industrial-Metal-Core des Quintetts auch so kaum konsumierbar. "Es ist eh die Frage: Was heißt schon kommerziell? Wenn das bedeutet, dass es viele Leute geil finden, kann ich damit durchaus leben", so Gitarrist Roger Grüninger, der die Schublade "Neue Deutsche Härte", in die man seit Rammstein ja immer wieder gern gesteckt wird, inzwischen sogar als Genrebegriff akzeptiert hat. "Wenn man Neue Deutsche Härte mit hart und deutsch erklärt, gehören wir wohl schon dazu. Auch Oomph werden ja beispielsweise da rein gesteckt, obwohl sie schon viel länger aktiv sind als etwa Rammstein."
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