EUPHORISCHE ENDZEITSTIMMUNG
Der Virus hat wieder zugeschlagen: Gitarrist Roger ist zum Zeitpunkt dieses Interviews ordentlich erkältet. Man darf gespannt sein, wie viele Leute sich noch von Virus III anstecken lassen.
Seit dem Abschluß der Produktion von Virus III (Ende März) gibt es eine deftige Überraschung zu vermelden: Bassist Markus Knapp hat die Band ohne Vorwarnung verlassen, was nicht nur Gitarrist Roger Grüninger verwundert hat: "Das ist verdammt schwer zu verstehen, aber Markus hatte wohl keinen Bock mehr auf das ganze Musikgeschäft. Wir wussten, dass er das nicht so besonders mag. Deshalb haben wir ihn früher auch so weit wie möglich von diesen ganzen geschäftlichen Dingen abgeschirmt, aber genutzt hat es anscheinend nicht viel. Aus demselben Grund ist er damals übrigens auch bei Atrocity ausgestiegen." Zum Glück haben die Jungs sehr schnell einen adäquaten Ersatz gefunden: "Der neue Bassist heißt Jan Beckmann - er hat früher unter anderem bei Fatered gespielt. Er passt meiner Meinung nach nicht nur optisch sehr gut ins Bandgefüge. Wir sind jedenfalls froh, dass wir so schnell einen so guten Ersatzmann gefunden haben." Verständlich, schließlich möchten die Allergiker mit dem neuen Material so schnell wie möglich auf Tour gehen. "Wir wollten eigentlich mit Napalm Death ein paar Konzerte spielen, aber die sind irgendwie nicht rechtzeitig aus dem Studio gekommen. Aber ich habe nach wie vor einen guten Kontakt zu Gary Meskil von Pro-Pain, vielleicht ergibt sich da ja demnächst etwas."
Virus III, dessen Veröffentlichungstermin um ein paar Wochen verschoben wurde, wird nun definitiv ab dem 19. Juni in den Läden stehen. Die drei Monate im Studio haben sich gelohnt wie die neun Stücke auf Virus III eindrucksvoll beweisen. "Wir waren im Vorfeld der Studioarbeit noch nie so euphorisch wie diesmal", erzählt Roger, "weil wir durch die Vorproduktion schon wussten, dass wir ganz besondere Songs geschrieben haben." Die Unterschiede im Vergleich zum Vorgänger Dunkelgraue Lieder für das nächste Jahrtausend sieht er folgendermaßen: "Ich denke, dass das neue Album wesentlich kompakter ist und einen runderen Gesamteindruck hinterlässt. Außerdem ist es dank solchen Liedern wie Feuer oder Dejavu in musikalischer Hinsicht abwechslungsreicher ausgefallen." Hinzu kommt, dass die Allergiker ihre Vorliebe für elektronische Spielereien wie Samples und Loops noch ausgebaut haben: "Bei Dieter Roth waren wir ja auch in einem Hightech-Studio, wodurch wir gerade in diesem Bereich sehr liebevoll ins Detail gehen konnten."
Aber auch auf dem Gebiet der Texte hat sich was getan, wie Roger bestätigt: "Die sind diesmal um einiges persönlicher, menschlicher und nahbarer ausgefallen." Für diejenigen unter Euch, die sich jetzt immer noch nichts unter dem typischen Allergie-Sound vorstellen können, folgt an dieser Stelle noch eine kleine Hilfestellung:
Wie würde Roger einer Person Die Allergie beschreiben, wenn dieser Mensch noch nie zuvor etwas von der Band gehört hat? "Puh, das ist nicht so einfach, aber ich denke, dass Die Allergie schon sehr stark etwas mit dem Begriff Metal zu tun hat - Virus III ist ein tierisches Brett! Die Gitarren und der Gesang sind sehr aggressiv, ich würde es als zeitgenössische Musik mit viel Groove bezeichnen - nicht zu schnell, aber auch nicht zu langsam. Und die elektronischen Einflüsse sind natürlich auch nicht zu überhören."
In meinen Gehörgängen erinnern zwei neue Stücke (Tausend und eine Nacht und Der letzte Held) sehr angenehm an Fear Factory in ihrer Demanu-Facture-Phase, was Sänger Albi als Kompliment auffasst: "Das finde ich absolut cool, dass du diesen Vergleich bringst. Das ehrt uns natürlich!" Albi schreibt auch den Großteil der Texte, und zwar in Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Trommler Vlocky, der die Band schon vor längerer Zeit aus gesundheitlichen Gründen verlassen musste. "Vlocky arbeitet meine inhaltlichen Grundgedanken aus, weil er sich wahnsinnig gut ausdrücken kann. Er übernimmt sozusagen die Feinabstimmung." Und da ich mich schon mit Albi unterhalte, liegt es natürlich nahe, einige der Texte etwas genauer unter die Lupe zu nehmen, die einen hohen Stellenwert bei den Allergikern genießen. Leicht zu verdauende, oberflächliche Aussagen findet man erwartungsgemäß nicht vor - die Jungs packen auch schwierige Themen an, und zwar ohne sich dabei ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Wie beispielsweise in Das große Sterben, wo es um das Thema Umweltverschmutzung geht. "Die Zukunft sieht nicht besonders rosig aus, wenn man die Zerstörung der Natur denkt", kommentiert Albi das Stück. "Die Nummer hat eine sehr depressive und melancholische Grundstimmung."
Apropos Endzeitstimmung: Mit Dejavu wurde ein alter Spliff-Klassiker gecovert. Warum ausgerechnet dieser Song? "Dejavu ist einfach ein geiler Song, der auch thematisch gut in unser Konzept passt. Ich mochte Spliff schon immer sehr gerne." In eine ähnlich bedrückende Kerbe schlägt auch Der letzte Held, ein brettharter, aber dennoch atmosphärischer Song, der eine Person skizziert, die ernsthaft mit Selbstmordgedanken spielt. Und in Maschinenträume bekommen mal wieder die organisierten Religionen und Sekten eins auf den Deckel, wobei diesmal besonders die Scientology-Bewegung ("Scientology ist Faschismus") durch den Kakao gezogen wird. Aber auch ein richtiger Ohrwurm mit großem Hitpotential wurde auf Virus III gepackt: Feuer. O-Ton Albi: "In diesem Stück geht es um dicke Eier." So lange es sich (autsch) nicht um flambierte Eier handelt...
(Elmar Salmutter)
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